iGlotze oder der langsame Tod des Fernsehens

Die gute alte Glotze weigert sich standhaft endlich abzutreten und einem digitalen Nachfolger den Platz freizumachen. Ideen und Testprojekte zu Video on Demand oder Interaktives TV fliegen schon seit Jahren durch die Gegend. Aber der Big Bang blieb bisher aus. Sind Apples neue videofähige iPods wirklich der Anfang vom Ende der Glotze?

Natürlich nicht.

Trotz all der Coolness der neuen und doch recht teuren Apple Gimmicks gilt einige recht einfache Erkenntnisse zu beherzen:

Klein und nicht fein

Im Gegensatz zu allen elektronischen Gimmicks wünscht man sich eher einen grösseren als einen immer kleineren Fernseher oder besser gesagt Videoscreen. Weder Bundesliga noch eine Space Opera a la Star Wars macht auf dem iPod-Monitörchen wirklich Sinn. Hätten Sie Lust sich das Ding gute zwei Stunden vor die Nase zu halten? Davon kriegt man ja einen Tennisarm.

Interaktion, nein Danke!

In vielen Tech-Köpfen schwirrt immer noch die irre Idee, dass der brave Consumer sich interaktives TV wünscht. Falsch. Wer Interaktion will, der zockt mit seiner X-Box oder Playstation2 - schon fast in realer Bildqualität und echter Interaktion. Die Mehrheit der Glotztivisten möchte nur eines: Absacken vor der Mattscheibe, ein Bierchen und gut isses. Bitte keinen Stress ist Feierabend.

Qual der Wahl

Seit dem Einzug der Privatsender Ende der 80ziger Jahre in Teutonien wissen der deutsche Michel & Micheline, dass mehr nicht unbedingt besser ist. Mit mehr digitalen Kanälen lockt man heute keinen GEZ-Zahler mehr hinterm Ofen hervor. Im Gegenteil: Premiere vermarktet seine Kanalvielfalt eher nach limitierten Benutzerwünschen, zum Beispiel Bundesliga, Spielfilme oder Familienprogramm. Ein digitales Angebot sollte sich auf eine Spezialisierung konzentrieren, anstatt auf ‘more of the same’. Dies ist auch das Erfolgskonzept von Sendern wie dem SciFi- oder History-Channel in den USA.

Jetzt! Sofort! Now!

Die Multiple-Choice-Generation ist im Gegensatz zu ihren Erzeugern wesentlich eigensinniger was die Programmgestaltung angeht. Anstatt der Langspielplatte, die von Anfang bis Ende durchdudelte, ist die eigene MP3-Trackliste je nach Stimmung gefragt. Deswegen war Video so erfolgreich: endlich Sendungen und Filme dann anzusehen, wenn man Zeit hatte und nicht, wenn der Sender es diktierte. In diesem Sinne braucht der Fernseher der Zukunft seinen eigenen Speicher, sprich eine Festplatte als Videotape- und DVD-Ersatz.

Gemäß diesen Punkten wird klar, dass der gute alte Fernseher auch der gute neue Fernseher sein wird: gross und passiv. Einzig die ‘Lieferung’ des allseits wichtigen Contents wird anders ablaufen: entweder der Glotzonaut speichert seine Lieblingssendungen auf der integrierten Festplatte oder ’saugt’ sie sich übers Internet ‘on demand’.

Und dieses Gerät gibt es bereits: es nennt sich Tivo und erfreut sich in den USA grösster Beliebtheit. Der Video-iPods und all die anderen tragbaren Videoplayer sind und bleiben vor allem eines: Gimmicks.

Beitrag von Dieter Mueller um 2005-11-03 (12:33).
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